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Jetzt geöffnetReiner Michelfelder — ars dynografiaMuseum im Kleihues-Bau · Kornwestheim

Die Technik

Was ist eine Dynografie?

Eine Dynografie ist ein fotografisches Unikat, das einen starken Eindruck von Bewegung und Raum entstehen lässt. Reiner Michelfelder entwickelte dafür ein eigenes optisches System: Er führte selbst gezeichnete Ausgangsformen durch Glaskörper, Spiegel, Prismen und Projektionen, bis im Spiel der Reflexionen völlig neue Strukturen entstanden — die er in der Dunkelkammer fotografisch festhielt. So gerinnt optische Verwandlung zu Bild.

Der Name verbindet das griechische dynamis (Kraft, Bewegung) mit graphein (schreiben, zeichnen): eine Schrift aus Bewegung. Was Op-Art sonst malt, erzeugte Michelfelder über ein eigenes optisches System aus Glas, Spiegeln und Prismen und hielt es photographisch fest — Jahrzehnte vor jeder digitalen Bildbearbeitung.

Der Schaffensprozess

In vier Schritten zum Bild

  1. 01

    Die Vision

    Am Anfang stand eine Idee — und eigene grafische Ausgangsformen: Zeichnungen, Linienraster, Punktmuster. Bildaufbau, Drehungen und Spiegelungen mussten vor dem inneren Auge feststehen, bevor der erste Handgriff begann. Ohne sie wären die Variationen nahezu unendlich gewesen.

  2. 02

    Die optische Verwandlung

    Im eigenen Labor brachte er seine Ausgangsformen in ein optisches System ein: Glaskörper, Spiegel, Prismen und Projektionen. Durch Veränderung von Winkeln, Abständen und optischen Beziehungen entstanden völlig neue Strukturen — jeder Schritt eine gestalterische Entscheidung.

  3. 03

    Die Entwicklung

    Sobald im optischen System ein Bild entstand, hielt er es fotografisch fest. Vieles zeigte sich erst Stunden später bei Entwicklung und Fixierung — manches durch Zufall, das er mit wachsender Erfahrung immer bewusster steuerte. Oft diente ein fixiertes Negativ erneut als Ausgangsmaterial für die nächste Verwandlung. Jeder Handgriff musste sitzen; ein einziger Fehler konnte die Arbeit eines ganzen Tages zunichtemachen.

  4. 04

    Das Unikat

    Was blieb, war nicht reproduzierbar: ein einzelnes Blatt, in dem optische Verwandlung zu Bild geronnen ist und einen starken Eindruck von Bewegung trägt. Vollendet wurde jede Arbeit in Schwarz-Weiß; Farbfassungen entstanden, wenn gewünscht, erst später in professionellen Laboren. Jede Dynografie ist ein Original.

Der Ort

Atelier & Dunkellabor

Michelfelder beschritt Wege, die fototechnisch zuvor kaum jemand gegangen war; seine Experimente bewegten sich an den Grenzen des damals Machbaren. Dafür baute er sich Atelier und Dunkellabor selbst — mit Apparaturen, die es so nirgends zu kaufen gab.

Er war weit mehr als Fotograf: Zeichner, Maler, Ausstellungsgestalter und Werbegrafiker. Wenn man ihm eine Schwäche nachsagen wollte, dann seine Bescheidenheit. Selbstvermarktung lag ihm fern; er stellte stets das Werk über die eigene Person.

Reiner Michelfelders AtelierAtelier
Reiner Michelfelders ApparaturenApparaturen
Reiner Michelfelders DunkellaborDunkellabor
Reiner Michelfelders VergrößererVergrößerer

Michelfelders selbst entwickeltes Atelier und Dunkellabor

Weiterentwicklung

Nicht nur Fotografien

Michelfelder verstand seine Bilder nicht als Fotografien allein, sondern als visuelle Strukturen — als Formen, die sich weitertragen ließen. Ein fixiertes Negativ oder eine Transparenz konnte erneut in das optische System wandern und eine weitere Stufe desselben Bildes hervorbringen; manche Arbeiten durchliefen mehrere solcher Verwandlungen.

Aus den entstandenen Strukturen wurden Entwürfe für Verlagswesen und Grafikdesign, für Textilien und Keramik, für Architektur und Verpackungsgestaltung. Deshalb stehen im Werkverzeichnis neben den Fotografien auch Serigrafien, Majolika-Steinplatten und Glasarbeiten.

Warum das Original zählt

Die Spur der Hand

Die visuellen Ergebnisse mögen sich heute mit digitalen Werkzeugen oder künstlicher Intelligenz teilweise nachbilden lassen. Doch die Entstehung dieser Werke war ein einzigartiger Prozess, der Wissen, Vorstellungskraft, Mut zum Experiment und handwerkliche Meisterschaft vereinte.

So wie eine historische Skulptur heute von Maschinen aus Stein gefräst werden kann und das Original dennoch etwas Besonderes bleibt, tragen auch Michelfelders Werke die Entscheidungen seiner Hand und die Geschichte ihres Entstehens in sich. Genau diese Authentizität verleiht ihnen ihren bleibenden künstlerischen Wert.